Interview Martina Aron Weidlich vom ManagementCircle

Insbesondere Führungskräfte stehen vor wachsenden Herausforderungen im schnelllebigen Arbeitsumfeld. Haben sich die Anforderungen Ihrer Meinung nach verändert? Was kommt heutzutage zu kurz?

Ja, die Welt ist schneller, komplexer und wesentlich agiler geworden. Diese Tatsache in Kombination mit anspruchsvollen Mitarbeitern, die sich jederzeit vom Unternehmen abwenden können und viel Aufmerksamkeit benötigen, verbunden mit eigenen Karrierewünschen sowie einem Privatleben, welches möglicherweise ebenfalls hohe Ansprüche und Erwartungen an die Person stellt – das ist in der Tat eine brisante Mischung, die es in sich hat und Führungskräfte vor große Herausforderungen stellt. Bei all den Erwartungen und dem Wunsch, es allen recht zu machen, fragen sich Führungskräfte dann: Wie bekomme ich alles unter einen Hut? Wie kann ich den Ansprüchen des Arbeitgebers, den meiner Familie und denen, die ich an mich selbst habe, gerecht werden? Vor lauter Erwartungswald sieht man die Bäume nicht mehr und eine latente Überforderung beginnt, die Allmachtsfantasien beflügeln kann: Die Vorstellung und Erwartung an sich selbst, wirklich alles in Perfektion zu schaffen. Was hierbei aus meiner Sicht zu kurz kommt, ist die Sicht auf das Wesentliche. Nicht mehr die Frage zu stellen, was kann ich oder was muss ich, sondern den Mut zu finden, zu fragen: Was brauche ich? Was macht Sinn?

 

Kann man Zeit managen? Oder ist es vielmehr eine Typsache, dass der eine besser organisiert ist und der andere nicht?

Zeit ist das einzig Gerechte auf der Welt. Jeder hat 365 Tage im Jahr, die gleiche Stundenanzahl, die gleichen Minuten zur Verfügung und trotzdem ist Zeit ein absolut subjektives Phänomen. Zeit wird als halb leeres oder halbvolles Glas wahrgenommen. Je nach innerer Haltung entsteht daraus ein Fass mit Boden oder eines, bei dem die Zeit wegläuft. Als Kind die Sommerferien vor sich zu haben, ist gefühlt ein unendlich langer Zeitraum. Die Zeit fließt langsam und man hört die Grillen zirpen. Ist man erwachsen und steht voll im Job, findet man sich plötzlich im November wieder und realisiert, dass in vier Wochen schon Weihnachten ist. Dann bleibt die Frage: Wohin ist die Zeit gerannt?

Insofern ist Zeit ein subjektives Phänomen, welches im Kontext des Individuums als schnell, langsam, viel oder wenig empfunden wird. Und je nach Persönlichkeitstypus – ob introvertiert oder extrovertiert, ob aufgaben- oder menschenorientiert – bilden sich entsprechende Fähigkeiten heraus, die einen „individuellen“ Stil zum Managen von Zeit beinhalten. Insofern gibt es tatsächlich typbedingte Stärken-und Schwächenprofile, um sich und die Zeit zu managen. Die einen haben einen pragmatischen Umgang mit Zeit: „Ich habe nur 10 Minuten Zeit zur Vorbereitung, mehr nicht!“. Die anderen einen emotionaleren Umgang mit Zeit: „Ich fühle mich gerade so gut, dass ich nicht so viel Wert auf pünktliches Abliefern lege“.

 

Was kann man tun, damit man den Berg auf dem Schreibtisch in den Griff bekommt? Vielleicht haben Sie konkrete Tipps?

Erstmal ist es wichtig, diesen Berg zum persönlichen „Mount Everst“ des eigenen Arbeitsstils zu erklären und eine Expedition zu beginnen. Dafür braucht es eine professionelle Vorbereitung sowie „Sherpas“, die hilfreich sind. Zur Vorbereitung macht es Sinn, sich eine Struktur zu überlegen, die das Abarbeiten nach Prioritäten ermöglicht. Teilen Sie vier Felder auf einem Tisch neben Ihrem Schreibtisch ein in: 1. Wichtig, 2. Dringend, 3. Wichtig und Dringend 4. Wenn ich mal Zeit habe. Definieren Sie nun auf einem separaten Papier, was diese Kategorisierungen konkret bedeuten und beginnen Sie mit der Expedition!

Nehmen Sie sich maximal 45 Minuten Zeit – bitte Timer benutzen – um nun alles von Ihrem Schreibtisch weg zu räumen und legen die einzelnen Papiere/Vorgänge etc. in vier Felder auf einem Nebentisch ab. Danach überlegen Sie, wo auf Ihrem Schreibtisch diese vier Prioritäten ihren Platz haben und nutzen z.B. entsprechend beschriftete Ablagekörbe. Beim Zurückräumen überprüfen Sie kritisch, ob selbiges tatsächlich die vorher definierten Kriterien erfüllt. Den Inhalt des vierten Felds beäugen Sie bitte besonders kritisch – und werfen alles, was länger als 3 Monate „liegt“, in den Papierkorb. Übertragen Sie nun in eine To-do-Liste alle Aufgaben aus dem 3. Arbeitsfeld. Bei Aufgaben aus dem 2. Arbeitsfeld können Sie überlegen, an wen Sie delegieren und die aus dem 1. Arbeitsfeld terminieren Sie und tragen ebenfalls in die To-do-Liste ein. Mit dieser Vorgehensweise erzielen Sie einen sofortigen Ordnungseffekt auf Ihrem Schreibtisch und haben die Gewissheit, dass Sie Ihren „Mount Everest“ besteigen können – nach Ihrem Plan!

 

Mit Druck und Stress gelassener umgehen, das ist leichter gesagt als getan. Was raten Sie Ihren Kunden, damit das wirklich gelingt?

Viele Arbeitskontexte verursachen von außen betrachtet Stress und Druck, sind jedoch bei näherer Betrachtung eine subjektiv empfundene Wahrnehmung einer Situation. Was für den einen stressig ist, empfindet der andere als anregend. Überprüfen Sie als erstes Ihre persönliche Sicht auf die Situation. Was genau stresst Sie eigentlich? Wer macht Ihnen aus Ihrer Sicht Druck? Wie reagieren Sie darauf – körperlich und/oder mental?

Unterscheiden Sie zwischen kurzfristigem Stress und Dauerbelastung. Ab und an Überstunden und Wochenendarbeit wirken für viele anregend – als Normalzustand ohne Regenerationsphasen kann sich dies jedoch zu einem Problemzustand entwickeln. Bei Dauerbelastung sollten Sie ansetzen und nach grundsätzlicheren oder strukturellen Veränderungen in Ihrem Leben Ausschau halten. Um auf Dauer Leistung zu erbringen, braucht es einen gezielten Boxen-Stopp, der zur Regeneration genutzt wird. Unterbrechen Sie Ihr Stressmuster, gehen Sie raus aus der Situation und laden Sie Ihre Akkus:

  • Bewegung und positive Aktivitäten oder ziehen Sie sich gezielt mit einem „fachfremden“ Buch zurück.
  • Lernen Sie den effektiven Umgang mit Ärger.
  • Drücken Sie Ihre Wünsche und Bedürfnisse angemessen aus und fragen sich, ob die Situation wirklich Sie als Person meint. Sie brauchen sich nicht jeden Schuh anziehen – Sie entscheiden wer und was Sie ärgert!

Um sich nachhaltig mit seinem Stress- und Druckmuster auseinander zu setzen, lernen Sie Ihre inneren Antreiber kennen. Haben Sie den Anspruch, immer perfekt zu sein oder müssen Sie alle mögen? Diese Denkmuster machen Ihnen gehörig Druck! Werden Sie wieder Kapitän im eigenen Ich und fragen Sie sich, was Sie selbst beeinflussen und durch eigenes Handeln verändern können. Das fördert die Handlungsfreiheit jenseits von inneren Antreibern.

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